Eingestellt im Oktober 2009

Das heiße Eisen - Die Rattenfänger von heute

Welchem Guru laufen Sie hinterher? Es wird Ihnen doch nicht etwa reichen, seine Lehre sachlich nachzuvollziehen? Wenigstens könnten Sie doch ein paar von ihm oder ihr sanktionierte Halfter oder Stricke kaufen!

Es ist ein Phänomen von heute, dass der Bedarf an Gurus sehr ausgeprägt ist. Kein Wunder, dass sie allerorten wie Pilze aus dem Boden schießen. Besonders das Internet hat es unqualifizierten Leuten leicht gemacht, auf den Zug der „Reit- und Pferde-Gurus" aufzuspringen – und alles, was man über das Internet findet, ist natürlich von vornherein „in".

Viele von den Internet-Propheten haben viel gelesen und ganze Partien aus der Arbeit anderer kopiert und verkaufen sich so von heute auf morgen als Experten, ohne je ein rohes Pferd angefangen und ausgebildet zu haben, ganz zu schweigen davon, eins zur Turnierreife gebracht zu haben. Ebenso gibt es viele, die durchaus nie den Beweis erbracht haben, dass sie einen Reitanfänger zu einem guten Reiter fördern können.Eine Internet-Präsenz ist kein Leistungs- oder Qualifikationsnachweis, und wer umgekehrt keine eigene Internet-Seite hat, ist deshalb nicht weniger kompetent – vielleicht ist er nur zu beschäftigt in der realen Welt, als dass er sich im Cyberspace zu profilieren sucht.

Das Problem mit dem Internet ist, dass sich jeder eine Website basteln und sie einstellen kann. Früher sagte man, Papier sei geduldig, dass man also nicht alles glauben sollte, was man gedruckt liest, aber zumindest bedurfte es damals eines gewissen Aufwandes, um sich in gedruckten Medien zu präsentieren – ins Internet kann jeder jederzeit jeden Blödsinn stellen, ohne dass es ihn groß etwas kostet.

Man kann sich jeden Tag den ganzen Tag lang alles downloaden über Pferde, aber das bedeutet ja nicht, dass man auf einem gesessen hat oder dadurch reiten könnte – es bedeutet nicht einmal, dass die auf einem Pferd gesessen haben, von denen man Downloads gemacht hat.

Aber selbst in der Praxis trifft man natürlich auf Leute, die mit langen Worten auszugleichen versuchen, was ihnen an Fachwissen und praktischem Können mangelt, mit Begriffen, die man nicht versteht, und der allgemeinen Haltung: „Können Sie sich nicht glücklich schätzen, dass Sie von mir unterrichtet werden?!" Und – geht es Ihnen auch so? – erst wenn man so richtig traktiert wird und dem Guru in den Allerwertesten gekrochen ist, fühlt man sich als dazugehörig… Erst wenn ich zum Befehlsempfänger degradiert bin, habe ich das Gefühl, angekommen zu sein.

Macht doch nix, wenn meine Fragen mit Floskeln beiseite gefegt werden. Lieber noch habe ich, wenn sie mit einem Schwall pseudo-gelehrter Worte beantwortet werden, auch wenn die nicht weiterhelfen.

Kann ich erkennen oder macht es mir etwas aus, wenn von vornherein Falsches gelehrt wird? Schön ist jedenfalls, wenn ich beständig gesagt bekomme, welche tollen Fortschritte ich angeblich mache, auch wenn ich genau genommen gar nicht weiterkomme und kaum etwas besser geworden ist in dem Verhältnis zwischen mir und meinem Pferd.

Es gibt jede Menge Reiter, die seit Jahr und Tag auf demselben Niveau herumkrebsen, weil ihre Reitlehrer ihnen dauernd einreden, sie würden Fortschritte machen, obwohl dies gar nicht der Fall ist. Auf einer solchen Basis ist natürlich ein Weiterkommen nicht möglich.

Man muss sich auch darüber klar sein, dass gewisse – nennen wir sie einmal „Konzepte" – nichts oder nicht unbedingt etwas zu tun haben mit dem, was man möglicherweise als Ziel seines Reitens im Auge hat. Da werden alle möglichen Begriffe und Namen erfunden, die für eine Reitmethode oder einen bestimmten Umgang mit dem Pferd stehen sollen (und für die natürlich der Erfinder der einzig Kompetente und das Maß aller Dinge ist). Aber falls Sie vor haben, „normal" westernreiten zu wollen, vielleicht sogar mal auf ein Turnier wollen, helfen Ihnen diese Egotrip-Experten überhaupt nicht weiter.

Es ist völlig legitim, wenn die ihre eigene Masche erfinden, über die sie sich vermarkten; doch ist es ebenso dämlich, ihnen auf den Leim zu gehen und dieses Vermarkten möglich zu machen.

Die meisten Gurus zeichnen sich dadurch aus, dass sie andere verteufeln. Unter Umständen verteufeln sie etwas, das nicht nur völlig harmlos ist, sondern sogar ausgesprochen gut und nützlich. Wie ein gewisser Mister das altbewährte Aussacken zum Synonym für Tierquälerei gemacht hat – zumindest bei seiner Anhängerschaft.

Es gibt klassische Grundsätze der Reiterei und im Umgang mit Pferden, und die sind unabhängig von „english“ oder „western“. Sie haben das eine für sich: Sie sind bewährt, und sie haben das Wohl des Pferdes im Auge. Und das ist weitgehend unabhängig von dem Equipment, das ein Reiter benutzt. Das ist aber sooo langweilig (im doppelten Sinn, denn es ist in der Tat sehr zeitaufwendig). Und es ist schwer, sich im Rahmen dieser bewährten klassischen Grundsätze der Reiterei hervorzutun, Überdurchschnittliches zu leisten. Wer das kann, dessen Rat darf man getrost annehmen. Wer andererseits mit seiner eigenen Spezialphilosopie kommt oder mit Spezialzäumungen, der muss deshalb nicht schlecht reiten oder unterrichten, aber bei denen sollten Sie Ihren Radar auf volle Leistung einstellen!

Foto: Lil Peppy Dun It Right und Rudi Kronsteiner