Eingestellt im September 2009
Das heiße Eisen - Jungpferde-Prüfungen - Fluch oder Segen?
Seit mehreren Jahren gibt es sie nun, bei verschiedenen Verbänden in verschiedenen Ausführungen, die sogenannten Jungpferde-Prüfungen. Der Grundgedanke solcher Prüfungen ist sicherlich nicht schlecht. So heißt es in der entsprechenden Darstellung auf der Homepage zum Beispiel der EWU:
"Die Jungpferdeprüfung ist eine Einstiegsprüfung für vier- und fünfjährige Pferde, um sie vorsichtig und ungezwungen an den Turniersport heranzuführen und ihnen Turniererfahrung zu ermöglichen. Dabei sollen die natürlichen Veranlagungen in den Grundgangarten, der Körperbau und das Temperament bewertet werden. Die ausbildungsgerechte Vorstellung im geforderten Tempo ist einer der Schwerpunkte dieser Prüfung. Über den entwicklungsgemäßen Unterschied zwischen vier- und fünfjährigen Pferden sollen sich die Richter stets im klaren sein. Ein perspektivisches Potential für den Turniersport ist positiv zu bewerten, Zukunftsprognosen für spätere Einsätze im gehobenen Westernreitsport sind jedoch zu vermeiden."
Der letzte Satz ist zunächst mal ein Widerspruch in sich. Ein "perspektivisches Potential" zu erkennen und positiv zu bewerten ist nichts anderes, als eine Zukunftsprognose zu wagen.
Generell muss man allerdings auf den landläufigen Turnieren leider einige entschiedene Abweichungen von den oben genannten Zielen feststellen. Zum einen ist es doch recht erstaunlich, dass in keinster Weise überprüft wird oder es überhaupt auch nur im Regelbuch Berücksichtigung findet, welche Karrieren die teilnehmenden Pferde oft schon bei anderen Verbänden hinter sich haben. Ein großer Teil ist zum Beispiel schon dreijährig NRHA Futurity gelaufen oder Pleasure Celebration oder DQHA Futurity. Dementsprechend sind diese Pferde natürlich auch, wie gehabt, zweijährig angeritten worden und konkurieren jetzt auf dem Turnier mit den echten "Jungpferden". Da kommt es einem schon fast ironisch vor, wenn dann noch auf der Deutschen Meisterschaft in diesem Jahr den Pferden vor der Prüfung ein paar Minuten Zeit gegeben werden soll, die Arena anzuschauen. – Wie scheinheilig ist das denn?
Kann es denn tatsächlich sein, dass ein Verband solche Scheuklappen aufhat und nicht bereit ist, über den Tellerrand zu gucken und abzugleichen, ob es sich bei den startenden Pferden tatsächlich um Remonten handelt?
Eine ähnliche Scheinheiligkeit stellen auch die Regeln der Breed Associations dar, allen voran die der AQHA (der dann andere nachgezogen haben). Was nützt es, wenn die Junior-Klassen auf Fünfjährige ausgedehnt wurden, wenn nach wie vor Dreijährige darin starten dürfen? Ja, wenn sogar Pleasure-Klassen für Zweijährige approved werden?!
Ein weiteres Problem sind die Patterns in der Jungpferde-Reining. Drei Stops, zweimal vier Spins, Speed Control – bis auf den erlaubten einfachen Wechsel eine stinknormale Reining. Und wer sich einmal ein paar Turniere angeschaut hat, der weiß, dass die Jungpferde-Reinings in der Regel auch wie normale Reinings geritten werden. Wo bitte ist da der Sinn, und wo werden die Pferde geschont bzw. "langsam ans Turniergeschehen herangeführt"?
Wäre es nicht wesentlich sinnvoller, eine Jungpferde-Prüfung wirklich auch nur für junge (grüne) Pferde auszuschreiben, sprich dreijährige, ihnen aber dann nicht so viel abzuverlangen? – Eben mehr wie eine Materialprüfung bei der deutsch-konventionellen Reiterei. Beurteilung des Rohdiamanten, sprich Gänge, Interieur etc. und nicht ein Bewerten des Antrainierten?
Aber dafür ist es wahrscheinlich längst zu spät. Längst hat sich hier ein neuer Markt geöffnet, über den nicht zuletzt begeistert auch Pferde vermarktet werden, die in ihren früheren Karrieren die Erwartungen nicht erfüllen konnten.
Die Abreiteplätze sollten besonders vor den Jungpferde-Prüfungen konsequenterweise auch stärker kontrolliert werden. Oder ist es etwa wünschenswert – wie oft beobachtet –, dass die ach so geschonten vierjährigen Pferde mit Bit und Rock Grinders abgeritten werden und dann kurz vor der Prüfung ein Snaffle eingeschnallt bekommen? Von Draw Reins etc. mal ganz zu schweigen...
Auch sind die Richtermeinungen wohl selten so verschieden wie bei den Jungpferdeprüfungen, was ja schon darauf schließen lässt, dass hier eine gewisse Unsicherheit besteht. Oft werden Pferde hoch gescort, die grauenvoll aufgerollt sind, mit der Nase auf der Brust laufen. Oder eine Bekannte aus unserem Stall ist in der "Jungpferde Basis" schlechter bewertet worden weil – O-Ton des Richters – "das Pferd keine kurze Mähne hatte"!
Klar können solche seltsamen Entscheidungen immer mal vorkommen, aber in diesem Metier anscheinend besonders häufig.
Nochmal: Natürlich ist der Grundgedanke der Jungpferde-Prüfungen nicht schlecht, aber ich denke, man muss dann seitens der Verbände auch konsequenterweise die Durchführung detailgenau überwachen und sich nicht gegenseitig auf die Schulter klopfen, was für ein super pferdefreundlicher Verein man doch ist, und mit dem Finger auf die anderen, die Bösen zeigen, besonders auf die Amis.
- Xanthippe



