FLASCHEN-FOHLEN
Guten Tag Herr Oelke,
ich lese immer mit großem Interesse Ihre Artikel. Jetzt berührt mich ein Thema, das vielleicht ein Thema für Sie wäre.
Vor einem Jahr haben wir eine damals fünfjährige Stute gekauft, die vom Züchter mit der Flasche aufgezogen wurde, weil die Mutter einen Tag nach der Geburt gestorben ist. Diese Stute ist vom Charakter her nicht ganz einfach und hat gesundheitlich auch immer wieder Probleme. Wir wussten das und haben Sie trotzdem gekauft. Es musste einfach sein. Ich kenne nun leider niemand, der auch so ein Pferd hat, das mit der Flasche aufgezogen wurde.
Ich denke doch aber, dass Sie mit Ihren vielen Verbindungen andere Besitzer mit solchen Pferden kennen. Vielleicht wäre das mal einen Artikel wert, wie sich solche Flaschenkinder entwickeln und ob und mit welchen Problemen solche Pferde im Erwachsenenalter zu kämpfen haben. Kann es zum Beispiel sein, daß solch eine Stute mit nun sechs Jahren erst in die Pubertät kommt und innerlich unausgeglichen ist?
Welche Erfahrungen haben andere Pferdebesitzer mit erwachsenen Flaschenkindern gemacht?
Oder gab es vielleicht schon mal einen Artikel darüber im WESTERN HORSE?
Ich bin sehr gespannt, ob ich zu diesem Thema mal mehr erfahren kann.
Mit den besten Grüßen
Rosemarie Müller, Karlsruhe
rmuellerdurlach@aol.com
Antwort:
Inwieweit ein mit der Flasche aufgezogenes Pferd sich normal entwickelt und verhält, liegt sicher weitgehend daran, wie natürlich es ansonsten aufgezogen wurde, ob es gleichaltrige Spielkameraden hatte, ob es in einer Herde aufwachsen konnte, ob die Ernährung mit der Flasche das einzige Unnatürliche in seiner Entwicklung war.
Wenn Sie sagen, dass Ihr Flaschenkind immer wieder gesundheitliche Probleme hat, dann würde ich vermuten, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass es nicht genügend Antikörper mit der Muttermilch aufgenommen hat. Vermutlich wurde der Stute als Fohlen ein Kolostralmilchersatz gegeben, vielleicht von einer anderen Stute, der eingefroren war. Das ist gut, aber nur die halbe Miete. Ein Fohlen hat in den ersten Lebensmonaten kein eigenes Immunsystem und ist auf die Antikörper angewiesen, die es ständig mit der Muttermilch aufnimmt. Wenn das fehlt, kann es ebenso von schwächerer Konstitution sein, wie wenn es nach der Geburt nicht ausreichend Kolostralmilch bekommen hat.
Ob auch eine verzögerte Geschlechtsreife als Auswirkung in Frage kommt, kann ich nicht beurteilen, ist aber m. E. sehr gut denkbar.
Ich habe selbst keine Erfahrung mit Waisenfohlen, hoffe aber, das von dem einen oder anderen Leser ein Erfahrungsbericht kommt…
H.O.






