Eingestellt im Juni 2009
Neues Sattelbuch
Westernreiter, entsorgt Eure Sättel!
„Der passende Sattel“
heißt ein neues, bei Müller Rüschlikon erschienenes Buch, dessen Autoren Beatrix Schulte und Anemone Lamparter kein gutes Haar am Westernsattel lassen.
Hier ein paar Auszüge:
„Der Sitzpunkt des Reiters ist (beim Westernsattel) deutlich nach hinten verlagert.“
„Für heutige Pferde ist diese Konstellation ... hochproblematisch.“
Allein mit dieser Aussage beweisen die Autorinnen ihre mangelnde Sachkenntnis. Erstens gibt es durchaus Westernsättel, deren Sitzpunkt nicht „deutlich nach hinten verlagert“ ist, auch wenn dies heute bei vielen handelsüblichen der Fall ist. Zum anderen – was soll das mit dem „für heutige Pferde“? Im Buch wird so getan, als gäbe es gewisse Quarter Horses alten Typs nicht mehr, für die der Westernsattel angeblich entwickelt wurde. Das ist in beide Richtungen Unsinn, denn erstens gibt es solche Quarter Horses durchaus noch, zweitens wurde der Westernsattel nicht nur für Quarter Horses entwickelt und gebaut. Die frühen Pferde der Vaqueros und Cowboys waren keine Quarter Horses, sondern mehr oder weniger Mustangs spanischer Abstammung. Auch wurden in der Vergangenheit neben Quarter Horses schon immer auch Vollblüter und andere Rassen mit Westernsattel geritten. Hier wird Generationen amerikanischer Sattelmacher unterstellt, dass sie seit Jahrzehnten stur am Markt vorbei Sättel für Pferde gebaut hätten, die es so nicht mehr gebe…
Da wird behauptet, dass der „Vorderzwiesel“, also die Fork, „erheblichen punktuellen Druck auf die Schulterblattmuskulatur ausübe, was unhaltbar ist. Angeblich treten bei mit Westernsattel gerittenen Pferden „vermehrt Lahmheiten der Schultergliedmaßen“ auf. Da fragt man sich doch, wie immer noch zu den Turnieren ein paar Hundert lahmfreie Pferde zusammenkommen können, bei all den mit Westernsattel gerittenen Westernpferden!
„Unsere heutigen, blutgeprägten Pferde können das aber nicht mehr (er)tragen“, kann man lesen. Wie machen das dann die vielen tausend blutgeprägten Pferde, die heute jahrein jahraus mit Westernsattel geritten werden?
Der nach hinten verlagerte Sitzpunkt des Westernsattels verhindere angeblich, dass das Pferd den Rücken aufwölben kann. – Wer das meint, der sollte sich halt einen Westernsattel kaufen, der keinen nach hinten verlagerten Schwerpunkt hat. Aber auch das ist Unsinn. Viele gutausgebildete und gut gerittene Westernpferde gehen unter dem Westernsattel runder, mit deutlicherer Rückenwölbung, als es die meisten konventionell gerittenen und mit „English“-Sattel gerittenen Pferde tun. Diese Beobachtung mag von Fall zu Fall unterschiedlich ausfallen, einfach dementsprechend, wieviel gute Reiter man vom einen oder anderen „Lager“ zu sehen bekommt. Es gibt Pferde, die mit aufgewölbtem Rücken unter dem Englischsattel gehen, und es gibt solche, die mit aufgewölbtem Rücken unterm Westernsattel gehen; das hängt weitgehend vom Reiter ab. Generell dem Westernsattel zu unterstellen, dass er ein Aufwölben des Rückens unmöglich mache, spricht entweder von Unverstand oder hochgradig boshafter Meinungsmache.
„Die schlimmsten Zustände wurden bei Araberpferden gesehen, die mit Westernsattel ‘versorgt’ waren. Wer jemals nach Marokko oder in andere Staaten des Maghreb reist, kann dort zierliche Reiter sehen…“
Also den Unterschied zwischen Araberpferden und Berberpferden kennen die Autorinnen auch nicht. Sei’s drum. Wenn Araber unter einem Westernsattel schlecht oder nicht ohne Probleme gehen, dann liegt das nicht daran, dass sie mit einem Westernsattel geritten werden, sondern daran, dass sie mit einem schlecht passenden Westernsattel geritten werden.
„Neben dem tiefsten Sitzpunkt, der grundsätzlich bei Westernsätteln weit hinten liegt, ragt das Skirt mit seiner Kante bis in die Lendenwirbelsäule hinein und reibt zum Teil sogar an den Beckenknochen des Pferdes.“ Dass ein Westernsattel keineswegs einen weit hinten liegenden Sitzpunkt haben muss, wurde bereits erwähnt. Wenn das Skirting-Leder zu weit nach hinten reicht, hat man eben einen nicht passenden Westernsattel benutzt; das heißt nicht, dass es keine passenden gäbe. Wenn die Skirts an den Beckenknochen scheuern, hat man einen nicht passenden Westernsattel gewählt und sollte einen mit abgerundeten Skirts benutzen.
Es geht doch nicht an, dass man schlecht passende Westernsättel mit gut passenden anderen Sätteln vergleicht, das ist genauso dumm – oder boshaft – wie wenn man gut passende Westernsättel nur mit schlecht passenden anderen vergleichen würde.
Letztlich ist es auch nicht Sache der Autorinnen, zu entscheiden, ob ein Sattel für ein Pferd zu schwer ist (das Gewicht wird auch gegen den Westernsattel ins Feld geführt). Wenn das höhere Gewicht als Nachteil angeführt wird, dann kann man nur sagen, dass der absolute Albtraum ein schwergewichtiger Reiter auf einem Englischsattel ist – der kleiner ist, das Gewicht viel schlechter verteilt und mehr punktuell auf den Pferderücken bringt.
Man könnte noch viel mehr dazu sagen, aber das würde hier zu weit führen.
Grundwissen Anatomie, historischer Überblick, technische Hilfsmittel zur Sattelanpassung, Auswirkungen von asymmetrischen Sätteln auf das Gangbild des Pferdes, Diagnostik und Behandlung von Satteldruck sind Kapitel dieses Buches, die normalerweise zum Lesen reizen würden. Mir geht es allerdings so, dass ich einem Autor generell misstraue, wenn ich ihn in einer Sache als so einseitig und falsch erfunden habe…
H.O.
Der passende Sattel
Müller Rüschlikon
172 Seiten, fester Einband, vierfarbig, 24,90 Euro
heißt ein neues, bei Müller Rüschlikon erschienenes Buch, dessen Autoren Beatrix Schulte und Anemone Lamparter kein gutes Haar am Westernsattel lassen.
Hier ein paar Auszüge:
„Der Sitzpunkt des Reiters ist (beim Westernsattel) deutlich nach hinten verlagert.“
„Für heutige Pferde ist diese Konstellation ... hochproblematisch.“
Allein mit dieser Aussage beweisen die Autorinnen ihre mangelnde Sachkenntnis. Erstens gibt es durchaus Westernsättel, deren Sitzpunkt nicht „deutlich nach hinten verlagert“ ist, auch wenn dies heute bei vielen handelsüblichen der Fall ist. Zum anderen – was soll das mit dem „für heutige Pferde“? Im Buch wird so getan, als gäbe es gewisse Quarter Horses alten Typs nicht mehr, für die der Westernsattel angeblich entwickelt wurde. Das ist in beide Richtungen Unsinn, denn erstens gibt es solche Quarter Horses durchaus noch, zweitens wurde der Westernsattel nicht nur für Quarter Horses entwickelt und gebaut. Die frühen Pferde der Vaqueros und Cowboys waren keine Quarter Horses, sondern mehr oder weniger Mustangs spanischer Abstammung. Auch wurden in der Vergangenheit neben Quarter Horses schon immer auch Vollblüter und andere Rassen mit Westernsattel geritten. Hier wird Generationen amerikanischer Sattelmacher unterstellt, dass sie seit Jahrzehnten stur am Markt vorbei Sättel für Pferde gebaut hätten, die es so nicht mehr gebe…
Da wird behauptet, dass der „Vorderzwiesel“, also die Fork, „erheblichen punktuellen Druck auf die Schulterblattmuskulatur ausübe, was unhaltbar ist. Angeblich treten bei mit Westernsattel gerittenen Pferden „vermehrt Lahmheiten der Schultergliedmaßen“ auf. Da fragt man sich doch, wie immer noch zu den Turnieren ein paar Hundert lahmfreie Pferde zusammenkommen können, bei all den mit Westernsattel gerittenen Westernpferden!
„Unsere heutigen, blutgeprägten Pferde können das aber nicht mehr (er)tragen“, kann man lesen. Wie machen das dann die vielen tausend blutgeprägten Pferde, die heute jahrein jahraus mit Westernsattel geritten werden?
Der nach hinten verlagerte Sitzpunkt des Westernsattels verhindere angeblich, dass das Pferd den Rücken aufwölben kann. – Wer das meint, der sollte sich halt einen Westernsattel kaufen, der keinen nach hinten verlagerten Schwerpunkt hat. Aber auch das ist Unsinn. Viele gutausgebildete und gut gerittene Westernpferde gehen unter dem Westernsattel runder, mit deutlicherer Rückenwölbung, als es die meisten konventionell gerittenen und mit „English“-Sattel gerittenen Pferde tun. Diese Beobachtung mag von Fall zu Fall unterschiedlich ausfallen, einfach dementsprechend, wieviel gute Reiter man vom einen oder anderen „Lager“ zu sehen bekommt. Es gibt Pferde, die mit aufgewölbtem Rücken unter dem Englischsattel gehen, und es gibt solche, die mit aufgewölbtem Rücken unterm Westernsattel gehen; das hängt weitgehend vom Reiter ab. Generell dem Westernsattel zu unterstellen, dass er ein Aufwölben des Rückens unmöglich mache, spricht entweder von Unverstand oder hochgradig boshafter Meinungsmache.
„Die schlimmsten Zustände wurden bei Araberpferden gesehen, die mit Westernsattel ‘versorgt’ waren. Wer jemals nach Marokko oder in andere Staaten des Maghreb reist, kann dort zierliche Reiter sehen…“
Also den Unterschied zwischen Araberpferden und Berberpferden kennen die Autorinnen auch nicht. Sei’s drum. Wenn Araber unter einem Westernsattel schlecht oder nicht ohne Probleme gehen, dann liegt das nicht daran, dass sie mit einem Westernsattel geritten werden, sondern daran, dass sie mit einem schlecht passenden Westernsattel geritten werden.
„Neben dem tiefsten Sitzpunkt, der grundsätzlich bei Westernsätteln weit hinten liegt, ragt das Skirt mit seiner Kante bis in die Lendenwirbelsäule hinein und reibt zum Teil sogar an den Beckenknochen des Pferdes.“ Dass ein Westernsattel keineswegs einen weit hinten liegenden Sitzpunkt haben muss, wurde bereits erwähnt. Wenn das Skirting-Leder zu weit nach hinten reicht, hat man eben einen nicht passenden Westernsattel benutzt; das heißt nicht, dass es keine passenden gäbe. Wenn die Skirts an den Beckenknochen scheuern, hat man einen nicht passenden Westernsattel gewählt und sollte einen mit abgerundeten Skirts benutzen.
Es geht doch nicht an, dass man schlecht passende Westernsättel mit gut passenden anderen Sätteln vergleicht, das ist genauso dumm – oder boshaft – wie wenn man gut passende Westernsättel nur mit schlecht passenden anderen vergleichen würde.
Letztlich ist es auch nicht Sache der Autorinnen, zu entscheiden, ob ein Sattel für ein Pferd zu schwer ist (das Gewicht wird auch gegen den Westernsattel ins Feld geführt). Wenn das höhere Gewicht als Nachteil angeführt wird, dann kann man nur sagen, dass der absolute Albtraum ein schwergewichtiger Reiter auf einem Englischsattel ist – der kleiner ist, das Gewicht viel schlechter verteilt und mehr punktuell auf den Pferderücken bringt.
Man könnte noch viel mehr dazu sagen, aber das würde hier zu weit führen.
Grundwissen Anatomie, historischer Überblick, technische Hilfsmittel zur Sattelanpassung, Auswirkungen von asymmetrischen Sätteln auf das Gangbild des Pferdes, Diagnostik und Behandlung von Satteldruck sind Kapitel dieses Buches, die normalerweise zum Lesen reizen würden. Mir geht es allerdings so, dass ich einem Autor generell misstraue, wenn ich ihn in einer Sache als so einseitig und falsch erfunden habe…
H.O.
Der passende Sattel
Müller Rüschlikon
172 Seiten, fester Einband, vierfarbig, 24,90 Euro



